Stellen Sie sich vor: Sie leben in einem kleinen Dorf auf dem Land, es hat nur etwa 500 Einwohner. Sie und Ihre Nachbar:innen kennen sich gut, vielleicht wohnt Ihre Schwiegerfamilie nebenan oder Ihre Tochter hat den Sohn des Bürgermeisters geheiratet. Sie bewirtschaften ein kleines Stück Land und können Ihre Familie ernähren.
Eines Morgens entdecken Sie einen merkwürdigen Fleck am Oberarm. Sie bemerken ihn zuerst, weil Sie sich an einer Tischkante stoßen und sich wundern, dass es nicht wehtut. Der Fleck ist ein wenig erhaben, blass und wie taub. Sie machen sich zunächst keine Gedanken.
Einige Wochen später tauchen weitere Flecken auf. Beinahe instinktiv verstecken Sie die betroffenen Stellen unter langärmeligen Oberteilen, erzählen niemandem davon. Es wird schon nichts sein, reden Sie sich ein. Denn Sie haben Angst. Im Nachbardorf gab es vor langer Zeit einen Mann, der eine Krankheit hatte. Auch er hatte zuerst nur ein paar merkwürdige Flecken. Doch Jahre später waren seine Hände und Füße verkrümmt und entstellt, er litt unter Geschwüren und erblindete. Über die Gründe für seinen Zustand kursierten Gerüchte, niemand konnte ihm helfen. Die Leute mieden ihn, seine Familie verarmte. Was, wenn Sie dieselbe Krankheit haben? Würden die Nachbar:innen noch zu Besuch kommen, wenn sie davon wüssten? Die nächste Gesundheitsstation ist drei Tagesmärsche entfernt. Ihre Familie ist auf Ihre Arbeit angewiesen, Sie können auch Ihre Tiere nicht tagelang allein lassen.
Also sagen Sie nichts. Und Ihre Erkrankung schreitet weiter fort.
Lepra ist eine Krankheit mit vielen Facetten. Zu den körperlichen Symptomen kommen psychische Belastungen und sozioökonomische Auswirkungen. Alles zusammen macht Lepra zu einer extrem perfiden Erkrankung: Zunächst lassen sich die Symptome gut verstecken. Aus Angst vor Ausgrenzung und dem Verlust des Einkommens zögern viele Patient:innen daher, eine Gesundheitseinrichtung aufzusuchen. Dazu kommt, dass in den Regionen, in denen Lepra auftritt, die medizinische Versorgung oft eingeschränkt ist.
Doch es gibt wirksame Medikamente – und mittlerweile auch eine Strategie, mit der die Übertragung der Krankheit unterbrochen und Lepra ganz beendet werden kann. Diese wurde von der WHO entwickelt und umfasst wichtige Schritte, die wir in Togo und Pakistan aktuell umsetzen: Zunächst werden Betroffene gefunden und behandelt, anschließend ihre engen Kontaktpersonen untersucht und mit einer Prophylaxe versorgt. Danach wird regelmäßig überprüft, ob neue Fälle auftreten.
Dieses systematische Vorgehen birgt großes Potenzial:
Bereits kurz nach Beginn der Behandlung ist Lepra nicht mehr ansteckend, Betroffene können ohne Risiko für andere am gesellschaftlichen Leben teilnehmen. Eine frühzeitige Therapie trägt auch dazu bei, Behinderungen zu vermeiden. Um die mit der Krankheit verbundene Stigmatisierung zu überwinden, braucht es begleitend vor allem Aufklärung – denn Wissen schützt vor Ansteckung und Vorurteilen. Ergänzend sind psychosoziale und sozioökonomische Unterstützungsangebote wichtig, auch für Familien und Gemeinden. Denn Lepra betrifft nie nur Einzelne, sondern immer auch ihr Umfeld.
Die Lepra-beenden-Strategie ist eine tragende Säule der DAHW-Arbeit. Die Maßnahmen nehmen die vielfältigen Herausforderungen dieser Krankheit insgesamt in den Blick und gehen sie konsequent an. Nur so kann es gelingen, die uralte Krankheit Lepra endlich zu beenden – Schritt für Schritt, Land für Land.
Was ist Lepra eigentlich genau?
„Lepra ist eine Infektionskrankheit der Haut und des Nervensystems. Übertragen wird sie höchstwahrscheinlich über Tröpfchen in der Atemluft, allerdings nur bei engem und dauerhaftem Kontakt, etwa zwischen Familienangehörigen. Hat sich eine Person mit Lepra angesteckt, kann es Jahre dauern, bis die Krankheit ausbricht. Das zunächst zeigen sich nur wenige Symptome: Flecken auf der Haut, ein Taubheitsgefühl an den betroffenen Stellen, verdickte Nervenstränge. Wird die Krankheit in diesem Stadium nicht behandelt, können sich allerdings schwerwiegende Behinderungen entwickeln: dauerhaft verkrümmte Finger und Zehen beispielsweise, tiefe Geschwüre, Lähmungen oder Erblindung. Diese Behinderungen sind nicht reversibel.“
Wer ist von Lepra betroffen?
„Theoretisch kann sich jeder Mensch mit Lepra anstecken. In der Realität aber ist Lepra eine sogenannte armutsassoziierte Krankheit. Das bedeutet: Für Menschen mit geringem Einkommen und geschwächtem Immunsystem, die auf engem Raum leben und über eingeschränkte Sanitär- und Hygienemöglichkeiten verfügen, stellt Lepra eine größere Bedrohung dar. Ein eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsdiensten erhöht zusätzlich das Risiko, dass die Erkrankung nicht (rechtzeitig) erkannt wird, sodass eine Behinderung wahrscheinlicher wird. Und: Menschen, die im Globalen Süden leben, sind überdurchschnittlich stark von Lepra betroffen – und dort vor allem Personengruppen, die stigmatisiert, marginalisiert oder ausgegrenzt werden.“
Wie kann es gelingen, Lepra in einem ganzen Land zu eliminieren?
„Um Lepra endgültig zu beenden, muss die Übertragung nachhaltig gestoppt werden. Deshalb ist es wichtig, herauszufinden, wo sogenannte „Cluster“, also Fallhäufungen, auftreten. Mithilfe moderner Tools kartieren wir diese „Hot Spots“, an denen noch Neuerkrankungen festgestellt werden, und können so effiziente Maßnahmen ergreifen. Diese sehen so aus: An den betroffenen Orten wird gezielt nach bislang unerkannten Fällen gesucht. Betroffene werden sofort medizinisch behandelt, ihre Kontaktpersonen erhalten eine Prophylaxe. So kann die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Krankheit weiter ausbreitet, deutlich reduziert werden. Informationskampagnen und Schulungen komplettieren das Verfahren: Sie stellen sicher, dass Neuerkrankungen schnell erkannt und frühzeitig behandelt werden.“
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