Inklusion und Partizipation – die besten Mittel gegen Ausgrenzung
Krankheit und Behinderung dürfen nicht zu Stigmatisierung führen
Wer sich mit den beiden namensgebenden Arbeitsbereichen der DAHW beschäftigt, Lepra und Tuberkulose, kommt um das Thema Inklusion nicht herum. Beide Krankheiten nämlich sind stark von Ausgrenzung und Stigmatisierung geprägt. Lepra, lange als „Aussatz“ bekannt, ist bis heute behaftet mit verletzenden Klischees und Vorurteilen, die hier nicht reproduziert werden sollen.

Betroffene werden ausgegrenzt und verstecken daher oft ihre Symptome, bis die Folgen der Erkrankungen irreversibel geworden sind. Ähnliches gilt für Tuberkulose. Ein Beispiel: Erkrankt eine Frau in einem Umfeld, das von patriarchalen Strukturen geprägt ist, an Tuberkulose, kann das bedeuten, dass ihr Mann sie verlässt, dass sie ihre Kinder nicht mehr sehen darf, dass sie ihren Lebensunterhalt nicht mehr bestreiten kann, dass sie auch psychisch sehr stark belastet wird. Bei Tuberkulose ist zudem die Furcht vor Ansteckung groß, gerade in den beengten Wohnräumen, die der Krankheit einen idealen Nährboden bieten. Wenn medizinische Versorgung unerreichbar oder unerschwinglich ist, bleibt oft nur die Isolation der betroffenen Personen – mit verheerenden Konsequenzen für die Patient:innen, ihre Familien und ihr soziales Umfeld. Zudem begünstigt ein unzureichende Versorgung die Entstehung resistenter Tuberkuloseformen, die weltweit eine erhebliche gesundheitspolitische Herausforderung darstellen. Nicht ohne Grund ist Tuberkulose nach wie vor die tödlichste Infektionskrankheit weltweit.

Beiden Erkrankungen sind zwei Dinge gemeinsam. Erstens: Stigmatisierung und Ausgrenzung stehen der Heilung im Weg. Und zweitens: Eine wirksame Prävention und Behandlung ist nur möglich, wenn Betroffene verständlich informiert werden und aktiv an gesundheitlichen Maßnahmen beteiligt sind.

„Give me a hand“: In Sierra Leone entstehen passgenaue Prothesen direkt aus dem 3D-Drucker – leicht, schnell gefertigt und der Hautfarbe angepasst. Sie machen Behinderung weniger sichtbar, bauen Stigma ab und eröffnen Menschen neue Wege zu Teilhabe und Selbstständigkeit. (Fotos: DAHW)

Ein Blick in die DAHW-Projektlandschaft hilft dabei, zu verstehen, wie sehr Lepra und Tuberkulose von Stigma geprägt sind. So gibt es in bestimmten Regionen bis heute sogenannte „Lepra-Dörfer“, in denen sich über viele Jahre hinweg Menschen angesiedelt haben, die von Lepra betroffen waren und sind. Einige leben dort seit der Zeit, als Isolation für Lepra-Patient:innen noch gesetzlich vorgeschrieben war. Andere verließen ihre Heimatgemeinden auf der Suche nach medizinischer Unterstützung oder um Ausgrenzung und Stigmatisierung zu entgehen. Viele dieser Dörfer sind bis heute sozial und infrastrukturell benachteiligt und die Bewohner:innen weiterhin stigmatisiert. Die DAHW unterstützt solche Ansiedlungen, etwa im Senegal, seit Jahrzehnten und stärkt dabei die Betroffenen mit medizinischen Maßnahmen, als auch die gesamte Gemeinde, zum Beispiel in den Bereichen Infrastruktur und Ernährungssicherheit. Das Ziel: die betroffenen Dörfer in die Strukturen des jeweiligen Landes einzubetten, sodass echte Partizipation möglich ist.

Ein anderes Projekt in Sierra Leone beschäftigt sich ganz konkret mit Inklusion im Alltag: Dort werden Betroffene mit dem 3D-Drucker hergestellt. So erhalten Betroffene rasch und preisgünstig Prothesen, etwa für den Unterarm, die nicht nur leicht und stabil sind und mehr körperliche Autonomie ermöglichen, sondern bei denen auch der Farbton an die Hautfarbe anpassbar ist. Für Nicht-Betroffene mag das banal klingen, für viele Betroffene bedeutet eine Prothese, die nicht auf den ersten Blick erkennbar ist, eine ganz neue Wahrnehmung ihrer Person. Ein echter Gamechanger.

Und an einem dritten Projekt lässt sich erkennen, wie wichtig es für die Eindämmung von Infektionskrankheiten ist, Stigma zu überwinden: In Tansania wurden sogenannte Schnell-Untersuchungs-Stellen für Tuberkulose mitten in den Gemeinden eingerichtet. Sie ermöglichen nicht nur rasche und niedrigschwellige Diagnostik, sondern erreichen auch Menschen, die hochstigmatisierten Gruppen angehören: Menschen mit HIV, Menschen mit psychischen Erkrankungen, Menschen, die Drogen konsumieren. Denn Tuberkulose kann jede und jeden treffen. Inklusion und Stigma-Abbau schützen nicht nur die Betroffenen, sondern tragen zur Sicherheit der gesamten Gemeinschaft bei.

Darum spielt Inklusion in allen DAHW-Projekten eine zentrale Rolle. Nur wenn die Betroffenen mitgestalten und ihr Wissen einbringen können, ist wirksame, zielführende und nachhaltige Arbeit möglich. Gesundheit – genauso wie ein Leben in Würde – ist ein Menschenrecht. Für alle. Ohne Ausnahme.

Ansprechpartner:in

Constanze

Vettel

Beraterin für Inklusion & Entwicklung

info@dahw.de
Drei Fragen an unsere Inklusions-Expertin Constanze Vettel

Was tut die DAHW im Bereich Inklusion?

Unsere Welt ist nicht barriereefrei. Die DAHW setzt sich daher für eine Gesellschaft ohne physische, soziale und kommunikative Hürden ein, in der alle Menschen selbstbestimmt leben und uneingeschränkt teilhaben können. Zudem stärkt die DAHW die wirtschaftliche Unabhängigkeit von Personen, die von Krankheit und Behinderung betroffen sind. Denn: Beides ist eng mit Armut verknüpft. Und nicht zuletzt arbeiten die DAHW-Projekte sowohl vor Ort als auch im politischen Diskurs daran, Stigmatisierung und Diskriminierung abzubauen und die Partizipation Betroffener zu fördern.

Wie funktioniert inklusive Projektarbeit konkret?

Die Projekte der DAHW fördern Inklusion auf vielfältige Weise. Menschen mit Behinderungen und andere vulnerable Gruppen erhalten Zugang zu Hilfsmitteln, Gesundheits- und Rehabilitationsdiensten sowie einkommensschaffenden Maßnahmen. Der gemeindebasierte Ansatz stärkt ihre aktive Mitwirkung bei der Gestaltung ihrer Lebensbedingungen. Gleichzeitig wird Inklusion bereits in der Projektentwicklung mitgedacht: Selbstvertretungsorganisationen und betroffene Menschen werden frühzeitig eingebunden und beteiligen sich während des gesamten Projektzyklus – von der Planung bis zur Auswertung der Maßnahmen. So trägt die DAHW dazu bei, nachhaltige Entwicklung inklusiv zu gestalten und gesellschaftliche Teilhabe langfristig zu fördern.

Wie kann Netzwerkarbeit Inklusion fördern?

Die DAHW unterstützt betroffene Menschen dabei, ihre Rechte wahrzunehmen und aktiv an gesellschaftlichen Entscheidungen mitzuwirken. Dazu baut sie Selbstvertretungsorganisationen auf und stärkt bestehende Strukturen nachhaltig. Durch Advocacy-, Lobby- und Netzwerkarbeit bündelt die DAHW Kompetenzen und verleiht den Anliegen von Menschen mit Behinderungen mehr politisches Gewicht. Gleichzeitig sucht sie den Dialog mit politischen Entscheidungsträger:innen, um Selbstbestimmung, Teilhabe und Inklusion weiter voranzubringen. Außerdem tragen Sensibilisierungskampagnen dazu bei, Vorurteile und Stigmatisierung abzubauen sowie das Bewusstsein für Inklusion und gesellschaftliche Partizipation langfristig zu stärken.

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