Schwerpunkt: Hard to reach
Wo die Straßen enden – und Unterstützung unerreichbar scheint
Infektionskrankheiten sind kein Schicksal, sondern eine Frage von Zugang und Gerechtigkeit

Es ist in unserer globalisierten Welt für viele Menschen unvorstellbar, dass es irgendwo Länder, Regionen, Gemeinden, einzelne Menschen gibt, die buchstäblich nicht erreichbar sind. Schließlich kommt man doch heutzutage überall hin, hat dank der modernen Technik im entferntesten Winkel der Welt noch Handyempfang… oder?

Ja und Nein. Denn dass es auch heute noch Menschen gibt, die an behandelbaren Infektionen erkranken und für medizinische und soziale Unterstützung unerreichbar sind, hat oft einen ganz bestimmten Grund. Und der lautet nicht: „Weil es nicht geht.“ Es lohnt sich, unter diesem Aspekt unsere Mandatskrankheiten Lepra und Tuberkulose genauer in den Blick zu nehmen. In beiden Feldern haben Menschen im Globalen Süden, die von Armut betroffen sind, ein erhöhtes Risiko, sich anzustecken und zu erkranken. Bei Lepra ist das Interesse der Weltgemeinschaft an Schicksal dieser Menschen – man muss es so sagen – gering. Für Tuberkulose galt das bislang eigentlich noch stärker, schließlich sterben an keiner anderen Infektionskrankheit so viele Menschen. Die globale Unterstützung war lange Zeit stabil. Doch mit Budgetkürzungen der USA und einigen weiteren Ländern im Bereich Globale Gesundheit ist ein riesiger Teil der Finanzierung weggebrochen. Die Folge: Engpässe bei der Versorgung mit Medikamenten in Regionen mit hohen Fallzahlen, Patient:innen, die ihre Behandlung unterbrechen müssen, Gesundheitspersonal, das nicht mehr arbeiten kann, weil ihr Lohn ausbleibt. Kurz: Die Menschen werden nicht mehr erreicht – und sich die Entscheidungstragenden nicht mehr für sie interessieren. In dieser Hinsicht geht es den Menschen, die an TB erkranken, mittlerweile also gar nicht mehr viel anders als Lepra-Patient:innen.

Die Arbeit der DAHW war schon immer davon geprägt, Betroffene zu finden, die sonst keine Unterstützung erhalten – weil sie etwa in abgeschiedenen Regionen leben oder zu marginalisierten Gruppen gehören. Das kommt von der Lepra-Arbeit, in der die DAHW ihren Ursprung hat. DAHW-Teams erreichen seit jeher Gegenden, die als unzugänglich gelten, Gemeinden, die als „Lepra-Dörfer“ von der Außenwelt abgeschottet wurden, Patient:innen, deren Familien sie eigentlich versteckt halten wollten. Nun aber, mit Blick auf Tuberkulose, hat die Situation eine neue Qualität. Denn wenn die Gesundheitsteams nicht helfen können, obwohl sie vor Ort sind, die Betroffenen kennen, einen klaren Auftrag haben, bedeutet das: steigende Fallzahlen – und vor allem mehr Resistenzen. Denn wenn eine TB-Behandlung abgebrochen werden, können die verbliebenen Erreger Resistenzen gegen die Medikamente bilden. Eine fatale Kettenreaktion, die die gesamte Weltgesundheit bedroht. Die DAHW tut ihr Möglichstes, um diese Entwicklung abzufedern, indem sie noch fokussierter und effizienter arbeitet.

Wenn darüber gesprochen wird, dass potenzielle Patient:innen schwierig zu erreichen sind, darf aber auch nicht verschwiegen werden, dass es bestimmte Bevölkerungsgruppen gibt, bei denen nicht nur das allgemeine Interesse an ihrem Wohlergehen besonders gering ist, sondern auch der Zugang besonders hoch – etwa Menschen, die in Äthiopien im Gefängnis sitzen. Die Hygienebedingungen dort sind schwierig, das Essen oft nicht nahrhaft genug, um das Immunsystem ausreichend zu stärken, die Zellen in vielen Fällen überbelegt, der Anteil der HIV-positiven Personen vergleichsweise hoch. Ideale Bedingungen für die Tuberkulose – doch bleiben Infektionen oft unerkannt und unbehandelt. Betroffen sind insbesondere weibliche Inhaftierte und ihre Kinder. Die DAHW unterstützt sie mit Maßnahmen direkt vor Ort sowie mit politischer Advocacy-Arbeit.

Es wird also deutlich: Ein Umdenken ist dringend notwendig – und zwar auf globaler Ebene. Dass sich der Globale Norden mit dem Globalen Süden solidarisiert und seine Unterstützung schnellstmöglich wieder ausweitet, gebieten die Menschlichkeit und der gesunde Menschenverstand. Privilegien sind fragil, das sollte niemand vergessen. Umso mehr gilt es, diese Privilegien zum Wohle aller Menschen einzusetzen.

Community Workers treffen sich in der West-Nile-Region Ugandas zur gemeinsamen Planung der Tuberkulose-Arbeit. Sie sind der Schlüssel, um Menschen in schwer erreichbaren Gebieten zu erreichen – dort, wo Straßen enden und staatliche Gesundheitsangebote oft nicht ankommen. Durch ihre Nähe zu den Gemeinden ermöglichen sie Früherkennung, Begleitung und grenzüberschreitende Versorgung. (Fotos: Molly Allewdo)
Zum Titelbild
Fotos: Dr. Saskia Kreibich

Die sudanesischen Nuba-Berge gelten als absolutes Hard to reach-Gebiet: kaum Infrastruktur, schwer zugängliche Dörfer und anhaltende Konfl ikte erschweren die Gesundheitsversorgung massiv. Im Mother of Mercy Hospital in Gidel (Jegeba), dem einzigen Krankenhaus der Region, das Lepra-Patient:innen behandelt, ist die Lepra-Station anhal- tend ausgelastet. Um das aufgrund des Krieges nicht zugängliche Krankenhaus nicht im Stich zu lassen, wurden im Juni 2025 sieben Gesundheitsfachkräfte aus den Nuba-Bergen in der südsudanesischen Hauptstadt Juba zu Lepra-Fallmanagement geschult.

Ansprechpartner:in

Saskia

Kreibich

Global Health Beraterin

Drei Fragen an unsere Beraterin für globale Gesundheit, Dr. Saskia Kreibich

Was macht Menschen „unerreichbar“ für medizinische Versorgung?

„Hard to reach“, kann von einer vernachlässigten Krankheiten betroffener Mensch sein, weil er tatsächlich physisch kaum erreichbar ist. Sei es, weil er in einem abgelegenen Tal oder in einem zerklüfteten Gebirge lebt, wo beispielsweise im Winter die einzige Zufahrtsstraße nicht befahrbar ist, oder auf einer nur per Boot erreichbaren Insel in einem Flussdelta, wo gefährliche Tiere und marodierende Banden den Weg erschweren. Eine Person kann aber auch aufgrund von Marginalisierung und Diskriminierung schwer erreichbar sein – sie gehört etwa zu einer ethnisch ausgegrenzten Gruppe, der medizinische Versorgung verweigert wird, sie lebt in einem Geflüchtetencamp, das nicht in soziale Strukturen eingebettet ist, oder sie bewohnt eine Gemeinde, die als „Lepra-Dorf“ von der Außenwelt gemieden wird. Und – das betrifft vor allem Frauen und Mädchen – es gibt geschlechtsspezifische Unerreichbarkeit. So können weibliche Familienmitglieder oft ungleich seltener medizinische Hilfe in Anspruch nehmen als männliche, gerade in Gesellschaften, die von patriarchal geprägten Gesellschaften. Für Gefängnisinsassinnen, die einem erhöhten TB-Risiko ausgesetzt sind, gelten im Übrigen alle drei Definitionen.

Was umfasst der „Hard to reach“-Ansatz der DAHW?

Der Anspruch, „dorthin zu gehen, wo die Straßen enden“, ist gewissermaßen in die DNA der DAHW eingeschrieben. Er stammt aus der Gründerzeit, als die Arbeit der Organisation damit begann, Jeeps für die Lepra-Arbeit in Äthiopien zur Verfügung zu stellen, um die Betroffenen anzusonsten buchstäblich nicht erreicht werden konnten. Dieser Anspruch hat sich ausgeweitet – auf oben benannte Teilbereiche der Unerreichbarkeit, aber auch auf spezifische Besonderheiten, etwa in humanitären Notlagen: Tritt beispielsweise eine Naturkatastrophe ein, sind Menschen, die von vernachlässigten Krankheiten oder Behinderung betroffen sind, doppelt benachteiligt. Sie können Hilfsangebote häufig nicht wahrnehmen und haben zudem besondere Bedarfe. Der Anspruch der DAHW ist es, auch hier Lücken zu füllen, um sicherzustellen, dass alle Menschen erreicht werden und niemand zurückgelassen wird.

Stößt auch die DAHW mal an ihre Grenzen?

Trotz der großen Erfahrung der DAHW im Bereich „Hard to reach“ gibt es Umstände, die eine Unterstützung der Mandatsgruppen sogar für uns fast unmöglich machen. Ein Beispiel ist der Sudan, wo aktuell – von der globalen Öffentlichkeit weitestgehend unbeachtet – eine der schlimmsten humanitären Katastrophen weltweit stattfindet. Dort ist die Lepra-Arbeit, die wir zuvor mit renommierten Expert:innen erfolgreich durchführen konnten, beinahe vollständig zum Erliegen gekommen. Untätig ist die DAHW dennoch nicht: Es gelang unserem Team im Südsudan, im Sommer 2025 eine Lepra-Schulung für Gesundheitspersonal aus den sudanesischen Nuba-Bergen durchzuführen. Dort ist Lepra aufgrund von Konflikten, mangelnden Strukturen, Stigmatisierung und fehlendem Bewusstsein bis heute endemisch. DAHW-Lepra-Experte Dr. Emile Tanyous bildete die Teilnehmenden in allen Bereichen der konkreten Arbeit vor Ort fort und legte damit den Grundstein für eine nachhaltige Bekämpfung der Lepra in einer der abgelegensten Regionen der Welt.

Sie sehen gerade einen Platzhalterinhalt von YouTube. Um auf den eigentlichen Inhalt zuzugreifen, klicken Sie auf die Schaltfläche unten. Bitte beachten Sie, dass dabei Daten an Drittanbieter weitergegeben werden.

Mehr Informationen
Auf dem Weg in entlegene Gemeinden in Uganda

Accessibility Toolbar